KLEIST - FESTTAGE 2021

Liebes Publikum,

manchmal passiert nichts von dem, was man erwartet hat – aber dafür alles andere. Nicht zuletzt lehrt uns dies die Pandemie in allen Lebensbereichen und vor allem bei der unmittelbaren Produktion und Rezeption von Kunst. Vieles ist in der Versenkung verschwunden, wurde zur Nebenrolle degradiert oder musste sich neu erfinden. Nicht die Kleist-Festtage! Schon die letzte Ausgabe 2020 konnte – als eines der wenigen Festivals auf der Deutschlandkarte im engen Zeitraum zwischen Lockdown
I & II – der Pandemie trotzen. Kleists Leben, Werk und wechselvoller Nachwirkung ist es zu verdanken, um dessen Geburtstag die Festtage seit mehr als 30 Jahren ihren Zauber in Frankfurt (Oder) entfalten können. Nun will es die Ironie des pandemischen Schicksals, dass bei der diesjährigen Festivalaus- gabe »Alles andere als Kleist?« auf dem Programm steht. Auf den Bühnen des Kleist Forums und am Brückenplatz versammeln sich hierfür in einer nie dagewesen Dichte und Anzahl ausschließlich Premieren von Eigen- und Koproduktionen, Ur- und Erstaufführungen. Allesamt Werke, die eigens für die Kleist-Festtage entstanden sind.
Künstlerinnen und Künstler aus der ganzen Welt hat unser Kleist hier zusammengebracht. Ob die Kleist-Förderpreisträgerin Ivana Sokola, die Kleist- Förderpreis-Laudatoren Albert Ostermaier und Joshua Sobol mit ihren neuesten Bühnenwerken, Kleists Zeitgenosse Goethe mit seinem Faust, den Thomas Thieme zu neuem Leben erwecken wird, die Performerin Judith Rosmair, die die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht etwa mit grünen, Kleist’schen Gläsern, sondern mit VR- Brillen in virtuelle Theater-Realitäten entführt oder die vielen anderen internationalen Performerinnen und Performer: Diesmal ist alles anders und irgendwie doch ganz nah bei Kleist. Übernommen von ihm haben wir, besonders in der aktuellen Situation, den Gedanken, »sich mit seinem ganzen Gewicht, so schwer oder leicht es sein mag, in die Waage der Zeit werfen« zu wollen – auch angesichts der pandemischen Krise und ihrer Nachwirkungen Kultur machen, anbieten und debattieren zu wollen, offen zu sein für neue, zeitgemäße Formate und neue Lesarten!

Das heißt, Kleist und die Kleist-Zeit kommen nicht zu kurz, im Gegenteil. Im Kleist-Museum geht es in diesem Jahr um einen bedeutenden Weggefährten Heinrich von Kleists, Heinrich Zschokke, den Autor, der »den anderen« zerbrochenen Krug geschrieben hat und als Ausweg aus einer Krise nicht den Weg an den Wannsee sondern ins Ausland nahm… Die Sonderausstellung »2 x Heinrich = Zschokke + Kleist« präsentiert Zschokkes Frankfurter Zeit (1790-1795) als bedeutenden Teil eines manches Mal abenteuerlichen Lebensweges, zeigt sein ungewöhnliches, vielseitiges Schreiben und legt einen Schwerpunkt auf die – wohl kurze, aber intensive – Künstler-Freundschaft zu Heinrich von Kleist.
Rund um die Ausstellung gibt es eine wissenschaftliche Konferenz, ein Film- frühstück, Gespräche und Salons mit Zschokke-Forschern und -nachkommen und eine Lesung mit dem Berliner Schauspieler Heikko Deutschmann. Und die Frankfurter Bürgerschaft widmet sich in ihrer Lesung in diesem Jahr ausgewählten Erzählungen des damaligen Bestsellerautors und Volksschriftstellers. Außerdem laden wir mit Barbara Schnitzler zum Kennenlernen eines außergewöhnlichen Textes Thomas Manns ein, für den Kleist »einer der größten, kühnsten, höchstgreifenden Dichter deutscher Sprache, ein Dramatiker sondergleichen […] völlig einmalig, aus aller Hergebrachtheit und Ordnung fallend« war. Und Kleist selbst steht auf dem Programm, in einer erneuten kritischen Auseinandersetzung »Gott Vater Einzeltäter – Operation Kleist«. Es geht also um »Alles andere als Kleist« – oder eben doch nicht!

Wir freuen uns auf Sie und viele gemeinsame Entdeckungen!

Ihre
Anette Handke und Florian Vogel
Kuratoren Kleist-Festtage 2021